
RoboCup: Roboter nehmen Aufstellung
Von 29. Juni bis 5. Juli wird Graz zur Hauptstadt der Roboter: Im Rahmen der Roboter-Fußballweltmeisterschaft RoboCup werden rund 1.000 Roboter in der steirischen Hauptstadt erwartet. Sie werden gegeneinander Fußball spielen und ihre Fähigkeiten als Helfer in Gefahrensituationen und bei Katastropheneinsätzen zeigen. Die ersten Qualifikanten stehen fest: darunter auch elf Teams aus Österreich.
Auf den ersten Blick deutet in Graz noch nichts auf den RoboCup hin, doch hinter den Kulissen läuft die Organisation auf Hochtouren: "Es sieht sehr gut aus, derzeit wechseln wir von der Planung ins Operative, und wir liegen gut in der Zeit", erklärt RoboCup-Koordinator Gerald Steinbauer von der TU Graz gegenüber ORF.at.
Die Qualifikanten der einzelnen Ligen sind auf der offiziellen Website des RoboCups abrufbar.
Letzte Woche wurde die Qualifikation für einen Teil der Ligen abgeschlossen, nun können sich die Teams für die endgültige Teilnahme registrieren. Derzeit haben sich 218 Teams qualifiziert, elf davon sind aus Österreich oder mit österreichischer Beteiligung. Futurezone.ORF.at wird in den kommenden Wochen über die einzelnen Teams berichten.
Die Qualifikation läuft je nach Liga unterschiedlich ab: In der Soccer Simulation League etwa traten die Teams direkt gegeneinander an, was allerdings durch den Umstand vereinfacht wurde, dass es sich dabei "nur" um Software handelt. Diese Qualifikation wurde sehr unspektakulär auf PCs in Graz ausgetragen.
Andere Ligen mit ihren realen Teilnehmern tun sich mit einer direkten Qualifikation schwerer, da der Aufwand zu groß wäre. Hier werden wie etwa in der Middle Size League verschiedene Kriterien bewertet, unter anderem die wissenschaftliche Arbeit rund um das Team und das bisherige Abschneiden bei anderen Veranstaltungen.
Fußball unter dem Mikroskop
Insgesamt gibt es im Bereich Fußball fünf Ligen, von reiner Software-Simulation bis hin zu der Humanoid League mit echten zweibeinigen Robotern. In Bereich RoboCup Rescue müssen sich die Roboter in Echtzeit und in Simulationen der Bewältigung von Katastropheneinsätzen widmen, bei der neuen Liga RoboCup@Home geht es um den Einsatz von Robotern bei Allerweltstätigkeiten wie dem Ausräumen eines Geschirrspülers.
In Demonstrationen sollen im kleinen Rahmen zudem Vorschläge für neue Ligen vorgestellt werden, wie etwa heuer die Nanogrammliga, bei der die Roboter unter dem Mikroskop gegeneinander spielen.
Auch die Teilnehmer des RoboCupJunior müssen sich im direkten Wettkampf beweisen, um ihr Land in Graz vertreten zu können. Für Österreich wird die Entscheidung vom 28. bis 29. März an der Fachochschule Technikum Wien fallen. Die Jugendlichen treten, nach zwei Altergruppen gestaffelt, in den Disziplinen Soccer, Dance und Rescue an, wobei die Disziplin Fußball heuer in "mit Bande" und "ohne Bande" unterteilt wurde. Von den insgesamt 236 Teams sind 30 Startplätze für Österreich reserviert.
450 Teams erwartet
Rund 450 Teams, davon die Hälfte Juniors, erwartet Steinbauer Ende Juni in Graz: "Schön ist, dass uns die Krise derzeit noch nicht zu treffen scheint. Es ist ja nicht ganz billig, zehn Studenten aus etwa Australien samt Robotern und Equipment bis nach Österreich zu transportieren."
Steinbauer weiß, wovon er spricht: Er hat selbst mit seinem Team Mostly Harmless, das auch dieses Jahr wieder mitspielt, bereits bei zahlreichen Robokicker-Events teilgenommen. "Als wir 2007 zur WM in die USA geflogen sind, hatten wir 700 Kilogramm Equipment mit: vier Roboter, die mit ihren Reisekisten rund 200 Kilo wogen, der Rest war Werkzeug, Akkus, Ladegeräte, Lötkolben, Ersatzteile."
600 Steckdosen für Strom und Netzwerk
Als Veranstalter haben Steinbauer und sein Team selber noch eine Reihe logistischer Aufgaben zu lösen: Bis zu 3.000 menschliche RoboCup-Teilnehmer werden in Graz erwartet, dazu bis zu 1.000 Roboter samt Equipment, die neben Platz auch Strom benötigen. Steinbauer rechnet nur für die Teams mit rund 700 Kilowatt Strom, der aus rund 600 Steckdosen (zuzüglich Verteilern) geliefert werden soll. Dazu noch einmal 600 Netzwerkdosen für den Internet-Zugang - der Funkverkehr in den Hallen ist während des RoboCups nämlich den Robotern vorbehalten.
Workshops für und mit der Feuerwehr
Weiters auf der Aufgabenliste stehen Behördengänge, etwa für die Erteilung von Visa, Zollformalitäten und das Absperren einzelner Straßen für das Rahmenprogramm: "Wir machen zum Beispiel mit der Feuerwehr ein eigenes Event mit Nebelgranaten und Autowracks, um mit ihnen die Rescue-Roboter zu testen", erzählt Steinbauer.
In einem Workshop sollen sich die Feuerwehrleute dann mit den Wissenschaftlern direkt darüber austauschen können, was sie brauchen, und was es an Technologie bereits gibt. Dieses Angebot werde von den Behörden wie etwa dem Innenministerium auch gut angenommen: "Wann hab ich die ganzen Leute schon einmal vor Ort? Das ist gegenseitige Befruchtung, das ist es auch, was den Mehrwert schaffen wird. Der RoboCup wird irgendwann aus sein, und das letzte Bier ist getrunken, und man ist zuhause, aber diese Projekte und die geknüpften Kontakte, die bleiben. Nur für eine Woche Show wäre das alles ein wenig viel Aufwand."
Wissenstransfer für Wissenschaftler
Neben dem Wettbewerb und dem Rahmenprogramm, bei dem mit dem LUX-Team auch ein Auto der DARPA Grand Challenge autonom durch Graz fahren wird, soll vor allem ein Symposion für den Wissenstransfer zwischen den Teilnehmern und Teams sorgen. So wird unter anderem der Chef-Ingenieur der NASA über die Mars-Rover und den Phönix-Lander reden. Heimische Forscher können zudem in Graz ihre Forschungen präsentieren, "um zu zeigen, was tut sich in Österreich, wo gehen die Forschungsgelder hin, wo sind gute Projekte, und wo kann man zusammenarbeiten", so Steinbauer.
Der Mensch ist das Vorbild
Auch wenn Fußball spielende Roboter auf den ersten Blick für den Alltag nicht wirklich nützlich erscheinen, liegt der tiefere Sinn der Veranstaltung einerseits im Wissenaustausch, aber auch der Demonstration, was Roboter heute bereits können.
Und das noch nicht genug, so Steinbauer: "Wir müssen uns am besten Produkt, dem Menschen, orientieren, und davon sind wir noch meilenweit weg - was die Sensorik, die Wahrnehmung und die kognitiven Fähigkeiten angeht. In der Liga RoboCup@Home ist es schon eine Leistung, wenn der Roboter sicher navigiert, ohne dass er etwas kaputt macht, dass er bestimmte Dinge erkennt, wie Zusammenhänge der Umgebung, und was greifen und Sinnvolles machen kann. Da bin ich momentan schon zufrieden. Zumindest momentan, denn es muss auch weitergehen. Aber wir sind noch meilenweit davon entfernt, dass man das auch kaufen kann."
"Beinharter Wettbewerb"
Hochglanzprodukte wie Hondas Asmio würden im Labor unter genormten Bedingungen gut funktionieren, doch der RoboCup sei kein Labor: "Das ist beinharter Wettkampf zu Realbedingungen, hier muss der Roboter eine Woche lang für vier bis acht Spiele pro Tag funktionieren, fit und zuverlässig sein. Das ist ein Stresstest", sagt Steinbauer.
In den Ligen gehe es um Entscheidungsprozesse, Wahrnehmung, Bildverarbeitung, kognitive Fähigkeiten und das Verständnis einer Szene. "Wir möchten auch ein wenig die Sichtweise zurechtrücken, was ist Wissenschaft und was ist Fiktion. Wir wissen, was geht, und das ist vielleicht nicht immer sexy, aber es funktioniert zumindest. Das ist keine abgehobene Forschung."
Realitätscheck für Roboter
Steinbauer selbst ist sich nicht sicher, ob die Wissenschaft das selbst gesteckte Ziel des RoboCups, bis 2050 mit einem Roboterteam gegen die menschliche Fußball-Weltmeisterschaft anzutreten, schaffen kann. "Die Realität hat zwei ganz unangenehme Eigenschaften: Sie ist unsicher - nichts passiert so, wie man glaubt - und sie ist dynamisch. Der Ball rollt nicht immer so, wie er soll. Der Roboter muss in der Lage sein, zu erfassen, was geht in der Welt vor und daraus die passenden Schlüsse ziehen. Das ist der Knackpunkt, den wir lösen müssen als Wissenschaftler, dann kommt der Rest relativ einfach von selbst."
Die Anwendungsgebiete für Roboter seien groß, wie etwa die Rescue-Liga zeige: "Ein Roboter zum Geschirrspüler ausräumen ist natürlich ganz nett, aber es gibt auch Situationen, wo ich Menschen durch Roboter aus gefährlichen Situationen raushalten kann. Nehmen sie Tschernobyl: Die Menschen, die hineingingen, um die Ventile zuzudrehen, starben alle. Das wäre doch nett, wenn das ein Roboter erledigen könnte - wenn nur ein Mensch nicht stirbt, hat sich das alles ausgezahlt. Da müssen wir hin."
(futurezone/Nadja Igler)