
Roboter üben den aufrechten Gang
Der Wiener Robotikexperte Peter Kopacek und sein kanadischer Kollege Jacky Baltes von der University of Manitoba haben am Montag in Wien den von ihnen gemeinsam entwickelten zweibeinigen Roboter Archie vorgestellt. Archies Nachkommen sollen schon bald die Menschen bei der Arbeit im Alltag unterstützen.
Archie und seine "Väter", zu denen auch Doktorand Ahmad Byagowi gehört, werden ihr Projekt am Freitag auf der wissenschaftlichen Konferenz zum RoboCup 2009 in Graz präsentieren. "Archie ist der erste menschenähnliche Roboter 'made in Austria'", sagt Kopacek stolz.
Ziel: Kostensenkung
Archie ist die erste Verkörperung von Kopaceks Konzept eines universell einsetzbaren und autonomen zweibeinigen Roboters. "Derzeit kostet ein professioneller Roboter so viel wie ein mittelmäßig ausgestatteter Ferrari", so Kopacek. "Unser Ziel ist es, ein solches Gerät für 15 bis 20.000 Euro anzubieten." Diesen Durchbruch sollen günstigere standardisierte Komponenten ermöglichen, beispielsweise das in der Abteilung für Intelligente Handhabungs- und Robotertechnik (IHRT) der TU entwickelte miniaturisierte Standardgelenk. Andere Komponenten hingegen kaufte das Team auf dem freien Markt zu.
Auch auf die Entwicklungszeit achteten Kopacek und Baltes genau. "Ohne besondere Förderung haben wir Archie in sechs Mannjahren auf die Beine gestellt", so Kopacek. "International geförderte Großprojekte brauchen durchschnittlich 20 Mannjahre, bis sie so weit kommen. Mit unseren Forschungsanträgen sind wir abgeblitzt."
Roboter im Alltag
"Wir können uns heute eine Welt ohne PC nur noch schwer vorstellen", sagt Baltes. "Computer sind heute überall zu sehen. Mit Robotern wird es auch bald so sein, sie werden unseren Alltag verändern." Auf einen Zeitpunkt, wann es einen erschwinglichen universellen Haushaltsroboter geben werde, also ein Gerät, das in seiner Bedeutung dem ersten IBM-PC vergleichbar wäre, wollten sich die beiden Experten nicht festlegen. "Es wird noch fünf bis sieben Jahre dauern", sagt Kopacek, der hofft, dass ihm der fertiggestellte Archie im Alter als Robobutler zur Seite stehen wird - in der individuellen Betreuung von Menschen sehen Kopacek und Baltes einen wichtigen Zukunftsmarkt für ihre Geräte.
Baltes, der für die Software von Archie mitverantwortlich ist, gibt sich vorsichtiger: "Vom ersten Flug der Gebrüder Wright bis zum ersten Durchbrechen der Schallmauer durch Chuck Yeager hat es ungefähr 50 Jahre gedauert." Im Rahmen der nächsten 50 Jahre sei auch mit leistungsfähigen universellen Robotern vom Typ Archie zu rechnen.
Das Zweibeinerkonzept
Der Grundgedanke hinter der Entwicklung von Archie lautet, dass Roboter ihren menschlichen Chefs möglichst ähnlich sein sollten, um ihnen im Alltag überallhin folgen zu können. Das ist einer der Gründe, weswegen Archie nicht auf Rollen fährt, wie beispielsweise die meisten Geräte, die im RoboCup eingesetzt werden, sondern auf zwei Beinen unterwegs ist. "Das hat auch psychologische Gründe", so Kopacek. Archies Abmessungen entsprechen jenen eines europäischen Teenagers im Alter von vierzehn Jahren, er ist etwa einen Meter dreißig groß.
Vorerst ist Archie freilich nur ein Prototyp. "Er ist erst zu 40 Prozent fertig, Sie sehen quasi die Version 0.0", sagt Kopacek, "Er braucht noch bessere Arme und voll funktionsfähige Hände, außerdem ist der Oberkörper bisher nur ein provisorisches Konstrukt."
Erste Schritte
Damit uns Archies Nachkommen einst im Alltag unterstützen können, müssen ihm erst seine Programmierer und Mechatroniker auf die Beine helfen. Vorsichtig stützt Ahmad Byagowi Archies Gestell, dreht den Kopf der Maschine sorgfältig in Position, es fällt Archie schwer, Haltung zu bewahren. Als erste Lautäußerung gibt das Gerät ein durchdringendes elektronisches Pfeifen von sich. "Bis August soll er selbständig gehen können", sagt Kopacek. Bisher schafft Archie ohne menschliche Unterstützung nur drei Schritte im freien Gang.
Archies Gehversuche und die ehrgeizigen Pläne seiner Konstrukteure mögen heute noch abenteuerlich anmuten. Man muss sich jedoch ins Gedächtnis rufen, dass die ersten erschwinglichen Heimcomputer wie der MITS Altair 8800 gerade erst Anfang der 1970er Jahre auf den Markt gekommen sind. Vom kruden Bausatz für Bastler hin zum zeitgenössischen Notebook und Smartphone brauchten Forschung und Industrie rund 30 Jahre. Aus dieser Perspektive wirken die Prognosen von Kopacek und Baltes wieder weniger abenteuerlich. Einen Markt für Roboter, die dem Menschen nicht ausgerechnet das Fußballspielen, sondern das Abspülen, Fensterputzen und Staubwischen abnehmen, gibt es ganz bestimmt.
(futurezone/Günter Hack)