"Internetoffensive" und Kultur

pläne
19.06.2008

Im Rahmen der "Internetoffensive" der Regierung wird auch über die veränderten Rahmenbedingungen in der Kulturindustrie nachgedacht. TA-Chef Rudolf Fischer und Ars-Electronica-Leiter Gerfried Stocker wollen verhindern, dass Österreich ein "Heimatkulturmuseum" wird.

Von einem "Digitalisierungstruck", der kleinen Archiven und Museen das Online-Verfügbarmachen ihrer Sammlungen ermöglichen soll, über "Inkubationszentren" für neue kreative Ideen bis hin zur Einrichtung eines nationalen Medienmuseums reichen die Ideen jener Arbeitsgruppe aus der "Internetoffensive Österreich", die sich mit Kultur und Medien beschäftigen. Die Veränderungen, die die zunehmende Online-Orientierung in allen Bereichen bringt, seien nicht nur eine wirtschaftliche Frage, betonten Telekom-Austria-CEO Fischer und Ars-Electronica-Chef Stocker am Donnerstag bei einer Pressekonferenz.

Österreich hat Ende der 1990er viel Boden im Bereich der Informations- und Kommunikationstechnologien [IKT] gutgemacht, ist zuletzt aber in diversen Rankings wieder zurückgefallen. Mit einer "Internetoffensive" will die Regierung nun gemeinsam mit Unternehmen, Interessenvertretungen, wissenschaftlichen Einrichtungen und Organisationen aus dem IKT-Bereich alle Österreicher online bringen.

Digitale Heimatkultur

Stocker zeigte sich "zuerst fast verwundert", dass in dieser Diskussion auch die Kultur einen eigenen Bereich bekommen hat. Jedoch sei es gerade wichtig, die "kulturellen Veränderungen" durch die IKT sichtbar zu machen, wenn Österreich nicht ein "Heimatkulturmuseum" werden wolle.

Denn die wirtschaftliche Wettbewerbsfähigkeit Europas werde "nur über die Produktion von Inhalten" im neuen Medienumfeld funktionieren, sagte Stocker. Es sei unerlässlich, in allen Bereichen klarzumachen, wie das neue digitale Umfeld die Rahmenbedingungen in Kultur, Wirtschaft und Alltag verändere.

"Gesellschaftliche Debatte" über Urheberrecht

Und es müsse auch "ein für alle Mal" geklärt werden, wie künftig mit dem Urheberrecht umgegangen werde, betonte Fischer. Das solle aus den Händen der Juristen in eine gesellschaftliche Debatte übergeführt werden, so Stocker. Europa könne von seinen Ideen und seiner Kreativität "nur profitieren, wenn diese frei zirkulieren können. Insofern ist Wissen wie Geld: Wenn das irgendwo in einem Sparstrumpf gebunkert wird, kann es keinen Gewinn bringen."

So sei es einerseits essenziell, dass das kulturelle Erbe digitalisiert und online verfügbar gemacht werde. Nötig für Fortschritte im Bereich der digitalen Kreativität wären andererseits "Inkubationszentren" in allen Landeshauptstädten, wo bereichsübergreifend neue Ideen geboren werden können, ebenso wie die Erhöhung der Medienkompetenz schon ab dem Schulalter, so Stocker - wobei da oft weniger die Schüler als die Lehrer gefordert seien.

"Vergessene Jugend Österreichs"

Insbesondere bei den Lehrlingen gebe es viel Aufholbedarf - diese seien in Bezug auf die Qualität der Internet-Nutzung die "vergessene Jugend Österreichs", so Stocker. Auch seien die "traditionellen Medien" wie TV und Zeitungen gefragt, vermehrt über derartige Themen zu berichten, sagte Po-Wen Liu von der Telekom-Regulierungsbehörde [RTR].

In den Diskussionen sei auch wiederholt erörtert worden, ob die Signifikanz der Materie nicht einen Niederschlag in der Regierung etwa mit einem eigenen Ministerium bekommen sollte, sagte Fischer auf Nachfrage. Die Ergebnisse der "Internetoffensive" sollen ab Oktober zusammengefasst und dann der Regierung vorgelegt werden, so Fischer. Diese sollten ein "Arbeitsauftrag" über die "nächsten Schritte in die Zukunft" sein und ihre Erfüllung überprüft werden.

Bandbreite und Netzkultur

Wie breit gefächert die Interessenlagen sind, zeigte sich am Schluss der Pressekonferenz. Franz Manola, ehemaliger ORF-On-Chef und nunmehr leitender Stratege für hochauflösendes Fernsehen [HDTV] im ORF, beanstandete aus dem Auditorium heraus beim Telekom-CEO, dass die kabelgebundene Breitband-Infrastruktur in Österreich nicht ausreiche, um mehrere HDTV-Programme problemlos übertragen zu können.

Dem entgegnete Stocker vor dem Hintergrund der veränderten Mediennutzung, die weg vom passiven Fernsehkonsum gehe: "Das sind Maßstäbe, die einen großen Teil der Jungen nicht mehr interessieren." Manola, zurück: Gerade das Hervorstreichen von Netzkultur führe dazu, dass "wir auch kulturell bald auf Dritte-Welt-Niveau" seien.

(APA)