Literatur 2.0: Bücher aus dem Web

Ö1-TIPP
01.07.2007

Wie Wikis und Podcasts literarisches Arbeiten verändern: Der Wiki-Roman "A Million Penguins" und Podcast-Romane wie "EarthCore" und "Herzfassen" setzen neue Trends.

Können Tausende Menschen gemeinsam einen Roman verfassen? Der englische Penguin Verlag wollte es herausfinden und startete am 1. Februar dieses Jahres den Wiki-Roman "A Million Penguins", an dem sechs Wochen lang jeder Mann und jede Frau mitschreiben konnte.

Jeremy Ettinghausen, bei Penguin für alles zuständig, was mit Digitalisierung, Computer und Internet zu tun hat, zieht Bilanz über den "zwar nicht meistgelesenen, aber doch den meistgeschriebenen Roman der Geschichte":

Romanschreiben als soziales Experiment

"Wir hatten circa 11.000 einzelne Einträge und Edits, insgesamt haben ungefähr 1.800 Menschen aus mehr als 120 Ländern, aus aller Welt an dem Experiment teilgenommen. Und es hat großen Spaß gemacht. Allerdings habe ich nach einiger Zeit angefangen, 'A Million Penguins' weniger als literarisches und mehr als soziales Experiment zu sehen. Mit zum Interessantesten an dem Projekt gehörten die Diskussionen, die im Wiki selbst und im Blog zum Wiki stattfanden. Dort haben sich die Mitwirkenden über ihre Erfahrungen beim gemeinsamen Schreiben ausgetauscht. Es gibt da eine Reihe von Einträgen, wo sich Leute sogar bei anderen für Änderungen und Verbesserungen an ihrem Text bedankt haben. Da entstand wirklich so ein Gefühl einer Gemeinschaft und darauf bin ich sehr stolz."

Neues Phänomen Podcast-Romane

Vor eineinhalb Jahren hatte der Hamburger Autor Tim Cortinovis einen halbfertigen Roman in der Schublade. Da wurde er auf den amerikanischen Horror- und Science-Fiction-Autor Scott Sigler aufmerksam, der wie Cortinovis keinen Verlag hatte. Aber dafür eine höchst innovative Idee: Er veröffentlichte seinen Roman "EarthCore" online und in Fortsetzungen als "Podcast-Roman".

Die Idee dahinter: Wenn der Podcast-Roman im Internet gut ankommt, könnte sich online eine Community begeisterter Hörer bilden und diese wiederum das Interesse von etablierten Verlagen wecken.

Tim Cortinovis entschloss sich, es Scott Sigler nachzutun und seinen Roman "Herzfassen" ebenfalls in wöchentlichen Fortsetzungen und als Podcast im Internet zu veröffentlichen. Dazu strukturierte er den Roman neu und unterteilte ihn in 42 Kapitel oder Audio-Segmente zu je ca. vier Minuten.

Am Ende dieser vier Minuten baute Cortinovis jeweils einen dramaturgischen Höhepunkt ein, einen sogenannten "Cliffhanger", der die Zuhörer am Ende in der Luft hängen und zappeln lässt - und so zum Weiterhören animiert.

Literatur goes YouTube

Im direkten Vergleich der Hörer- bzw. Downloadzahlen ist Tim Cortinovis nicht so weit von seinem Vorbild Scott Sigler in den USA entfernt: Im Durchschnitt 4.000 User luden sich einmal die Woche das neueste Kapitel seines Romans in progress herunter.

Scott Sigler kommt mit seinen Podcast-Romanen in den ungleich größeren USA auf etwa 10.000 Hörer pro Woche und veröffentlichtem Kapitel. Dennoch ist Scott Sigler im Gegensatz zu Tim Cortinovis bereits der Durchbruch gelungen: Seine Podcast-Romane sind mittlerweile auch schon in Buchform erschienen sind und konnten sich sogar in den Top Ten auf Amazon.com platzieren.

Auch in Sachen Online-Promotion ist Scott Sigler ein Pionier: Seinen neuesten Podcast-Roman "Ancestor" bewirbt er mit einem eigens produzierten Videoclip auf YouTube:

Promotion im Web

Web 2.0 bietet Autoren und Literaten neue Möglichkeiten, vor allem auch zur Promotion ihrer Werke. Wenn ein neues Buch auf den Markt kommt, gibt es oft schon eine eigene Website oder Microsite zu dem Buch - selbstverständlich samt Online-Bestellmöglichkeit.

Ein Vorreiterin auf diesem Gebiet ist Holly Peterson, die für ihren eben erschienenen Unterhaltungsroman "The Manny" eine Seite auf MySpace einrichtete und dort auch ein Kurzvideo eingebettet hat, auf dem die Hauptfiguren ihres Buches von Schauspielern in kurzen, idealtypischen Szenen dargestellt werden.

Mehr dazu heute um 22:30 Uhr in "matrix" auf Ö1

Mehr über Literatur im Web 2.0, Netzliteratur, digitale Urheberrechte und die Zukunft von E-Books gibt es heute Abend in "matrix" zu hören. Ebenfalls zu Wort kommt in der Sendung der aus Graz stammende Autor Peter Glaser, legendärer Redakteur der Chaos-Computer-Club-Zeitschrift "Datenschleuder" und Bachmann-Preisträger.

"Matrix" für Ö1-Club-Mitglieder

Ab Sonntag, 22:30 Uhr steht "matrix - Computer & Neue Medien" für Ö1-Club-Mitglieder auch zum Download bereit.

(matrix | Richard Brem)