Was die NASDAQ in London plant

LSE-Einstieg
12.04.2006

Nach dem Einstieg der NASDAQ bei der Londoner Börse wird wild über die Motive spekuliert: Die Gerüchte reichen bis zu einer Übernahme.

Die NASDAQ hatte am Dienstag bekannt gegeben, dass sie eine knapp 15-prozentige Beteiligung an der London Stock Exchange [LSE] für 448 Millionen Pfund [647 Mio. Euro] erworben hat. Damit wurde sie auch zum größten Anteilseigner der LSE.

LSE-Aktien verteuerten sich durch eine Reihe von Spekulationen über die weitere Entwicklung im Vormittagshandel um fast 15 Prozent auf knapp zwölf Pfund. Die NASDAQ hatte Ende März eine Offerte in Höhe von 2,4 Milliarden Pfund - 9,50 Pfund je Aktie - für die LSE zurückgezogen.

"Sehr strategischer Kauf"

Ein NASDAQ-Sprecher bezeichnete das Geschäft als "einen sehr strategischen Kauf". Die US-Börse übernahm die Anteilsscheine von der britischen Fondsgesellschaft Threadneedle Asset Management, die bisher der größte institutionelle LSE-Aktionär war.

Für jede der rund 35,4 Millionen LSE-Aktien wurden 11,75 Pfund gezahlt, zusätzlich erwarb die NASDAQ 2,7 Millionen Aktien.

Alle Optionen offen

Der Kauf trage dazu bei, dass sich die NASDAQ alle Optionen offen halte, so ein Insider: Wenn die US-Börse den größten europäischen Aktienmarkt doch noch übernehmen wollte, hätte sie einen Vorsprung vor möglichen Konkurrenten.

Aus einer Bieterschlacht um die LSE könnte sie aber auch durch einen lukrativen Verkauf ihrer Titel aussteigen. So soll auch die New York Stock Exchange [NYSE] an einer Übernahme interessiert sein.

"Es kommt Schwung in die Konsolidierung der Börsen", kommentierte ein Händler die Entwicklung. Euronext profitiere, da weitere Fusionsgespräche zwischen LSE und der Vierländerbörse [Paris, Amsterdam, Brüssel und Lissabon] nun eher unwahrscheinlich seien.

Druck auf Euronext und Deutsche Börse

Analysten sehen in der Übernahme aber auch zusätzlichen Druck auf Euronext und die Deutsche Börse, die nun zwecks einer Fusion wieder an den Verhandlungstisch zurückkommen könnten.

Schließlich könnten die beiden Handelsplätze nicht tatenlos zusehen, wenn sich eine anglo-amerikanische Superbörse bilde.

LSE-Chefin Clara Furse will jetzt in einem Gespräch mit NASDAQ-Chef Bob Greifeld zunächst einmal mehr über die Absichten der Amerikaner erfahren.

Nach den britischen Übernahmeregeln darf die NASDAQ ihren Anteil in den nächsten sechs Monaten auf maximal 30 Prozent ausbauen.

LSE schon länger Übernahmeziel

Die LSE gilt seit längerem als Übernahmeziel. Die Deutsche Börse hatte ebenfalls für die LSE geboten, sich aber unter Druck der eigenen Aktionäre wieder zurückgezogen. Laut dem britischen "Observer" gab es auch zwischen LSE und der Vierländerbörse Euronext geheime Gespräche über eine Vollfusion.

Sollte Euronext weiter an der LSE interessiert sein, führt allerdings nun kein Weg an der NASDAQ mehr vorbei. Die NASDAQ kann eine Fusion bzw. einen Kauf der LSE auch verhindern. Eine andere Option - der Zusammenschluss von NASDAQ, LSE und Euronext - dürfte dagegen ein zu gewagter Schritt sein. "Diese Kraft hat die NASDAQ nicht", so ein Analyst.

LSE-Aktienkurs stieg um 150 Prozent

Bisherige Angebote, unter anderem von der australischen Bank Macquarie, wurden von der LSE immer als zu niedrig abgelehnt, gleichzeitig stieg der Preis der Aktien in den vergangen zwölf Monaten um rund 150 Prozent.

(APA | dpa | Reuters)