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Alles beim Alten

NETZTEILE
07.02.2009

Es gibt Diskussionen über Technologien, die haben vergangenes Jahrhundert angefangen und seitdem nie, nie, nie wieder aufgehört. So wie die über das elektronische Papier ("Richtig, das gibt es ja auch noch"). Führen wir ein paar davon auf, um uns wieder einmal richtig gut zu fühlen.

Erinnert sich noch jemand an das Jahr 1987? Richtig, da gab es die DDR noch, das Waldsterben, und die Erste Allgemeine Verunsicherung war in den Top Ten. Seitdem hat sich in manchen Bereichen nicht so viel getan. Zum Beispiel beim digitalen Fernsehen. 1987 bog schon HDTV um die Ecke, und damit sollte bald alles so klar im Fernsehen sein wie auf dem Grund der heimischen Bierflasche. Aber so weit sind wir ja noch lange nicht. Keine 22 Jahre später ist selbst das digitale Fernsehen in den USA wieder um vier Monate verschoben worden. Stell dir vor, TV ist digital und hochauflösend, und keiner hält bis zum Sendeschluss durch.

Oder der seit fast 15 Jahren (gut, dreizehneinhalb) so beliebte Browser War, gegen den sogar der Bau der Sagrada Familia sich kurzweilig ausnimmt. Seit ... dreizehneinhalb Jahren tut sich mal hier, mal da etwas, aber die Welt sieht eben immer zwei Browser um die Gunst der Nutzer streiten, und keinen interessiert es. Solange das Internet aus der Telefonsteckdose kommt, schaut Otto Normal-User nicht einmal vom Mauspad auf. Da mag es noch so viel Krieg hinter den Kulissen geben. Und besonders stark hat sich der Browser als solcher auch nicht weiterentwickelt. Er ist so einfach und umständlich wie ein Brotmesser geblieben.

Und es kann trotz diverser Aktivitäten von Google bis heute niemand sinnvoll mit seinem Handy unterwegs sein, wichtige Informationen aus seiner Umgebung empfangen und Freunde, Bekannte oder den Steuerfahnder seiner Wahl in entsprechender Entfernung markiert bekommen. Alles in der Theorie so schön wie ein Land, das seinen Superstar sucht, aber nie findet und deshalb den nächstbesten Schreihals zum saisonalen Sieger ausruft. Aber seien wir nicht unfair. Wie es am Grunde der sieben Ozeane aussieht, das weiß man dank Google jetzt schon. Dahin könnte man einzelne Teilnehmer des genannten Wettbewerbs in Zukunft gerne vorab auf Tournee schicken.

Kommen wir zum Nützlichen: Das eBook/Kindle ... Wie? Habe ich da jemanden kichern gehört? Also das Buch der Zukunft ... entsch... Bruhahahahalso, das Buch der Zukunft wird kommen, ganz sicher. Es kann sich nur noch um ein paar Monate handeln, dann wird - spätestens zum nächsten Weihnachtsgeschäft - eine Welle an wunderschönen Geräten auf uns zurollen, die wir auch abends auf dem Kopfkissen liegen sehen wollen. Oder neben der Badewanne. Und unsere Kinder werden neue Ausreden in der Schule haben wie: "Ich konnte das Buch nicht zu Ende lesen, weil der Akku aus war und Papa mir das Nachladen mit Nachtstrom verboten hat."

Zumindest gibt es auch ein paar Erfindungen, die auch wieder rückgängig gemacht werden könnten. So zum Beispiel der Reply-to-all-Button, den die Firma Nielsen gerade intern abgeschafft hat. Wir erinnern uns, damit wurde die Spam-Mail als solche erfunden, und vermutlich hat den der Chef von Nielsen eliminieren lassen, weil er ihn aus Versehen klickte und damit eine Mail mit dem Inhalt "Fräulein Susi, bitte zum Diktat" an alle Mitarbeiter in 100 Ländern verschickte. Dabei gibt es vor allem in den Ländern des Nahen Osten kaum eine Susi auf der Payroll von Nielsen. Ich schweife ab.

Zum Schluss: Wer seinen alten PC oder einen PC an sich nicht abschalten, ausschlachten oder aufstocken will und eigentlich glücklich mit dem Modell ist, das er schon zu Klängen der Ersten Allgemeinen Verunsicherung warmstartete, der kann mit dieser Software noch eine Weile so weitermachen. Wie die Burschen vom analogen Fernsehen, die vom Internet Explorer und die Entwickler von E-Books. In 20 Jahren schalten sich die Dinger dann wegen Strommangels ohnehin ab.

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(Harald Taglinger)