Medienkunst im Leerlauf
Obwohl die transmediale ihre 20. Ausgabe nicht als historischen Rückblick inszenieren wollte, haben beim Berliner "Festival für Kunst und digitale Kultur" altbekannte Positionen dominiert.
In den vergangenen 20 Jahren hat sich die transmediale immer wieder neu erfunden. Aus einem Videofilmfest wurde zunächst ein "Festival für Medienkunst" und im vergangenen Jahr ein "Festival für Kunst und digitale Kultur". Heuer schien es so, als wolle sich das Festival eine Auszeit gönnen.
Neue Impulse oder gar Einsichten waren bei der diesjährigen transmediale kaum zu finden. Fast schien es so, als seien dem Festival die Themen abhanden gekommen.
Zusammenhänge in der Programmgestaltung ließen sich selbst unter der Perspektive des ohnedies breit angelegten Generalthemas "unfinish" nur schwer ausmachen. Die Auswahl der Konferenzgäste erschien willkürlich.
Die Ausstellung konnte zwar mit einigen überzeugenden Arbeiten aufwarten, die Auswahl wirkte aber auch hier beliebig.
"Digitale röhrende Hirsche"
Der Medientheoretiker Friedrich Kittler forderte sein Publikum bei seinem Vortrag am Samstag mit einer Meditation zur Endlichkeit der Algorithmen. Es sei wichtig, den Blick auf komplexe Zusammenhänge zu richten und nicht auf die kleinen Fenster, durch die wir schauen dürfen, sagte Kittler. Er würde jedenfalls keinen Medienprofessoren trauen, die "noch nie einen Pascal-Algorithmus zum Laufen gebracht oder eine Maschine aufgeschraubt haben".
Die Medienkunst scheint er nicht allzu hoch zu schätzen. In der auf den Vortrag folgenden Diskussion war in Anspielung auf die zahllosen Bilder röhrender Hirsche in den spießbürgerlichen Wohnungen des 19. Jahrhunderts gar von den "digitalen röhrenden Hirschen" der Gegenwart die Rede.
Religion und Technologie
Am Tag zuvor malte der kanadische Medientheoretiker und CTheory-Herausgeber Arthur Kroker ein düsteres Bild der weltpolitischen Entwicklung, die durch die Verschränkung von religiösem Fundamentalismus und technologischem Gerät, die Kroker unter anderem bei der gegenwärtigen US-Regierung ausmacht, nichts Gutes verheiße.
Krokers vor kurzem veröffentlichtes Buch "Born Again Ideology" kann auf CTheory heruntergeladen werden.
Ermüdende Diskussionen
Daneben wurde die Konferenz von trockenen akademischen Bestandsaufnahmen der Geschichte der Videokunst ["Viele Jahre Videokunst"] und [ermüdenden] Diskussionen über die Rolle der Medienkünstler ["Media Art Undone"] beherrscht.
Einen der raren Höhepunkte des Festivals bildete der Multimedia-Vortrag des australischen Cyborg-Künstlers Stelarc, der einen umfassenden Überblick über sein Schaffen bot und sein aktuelles Projekt "The Extra Ear" vorstellte.
Leerstelle Internet
Die Auseinandersetzung mit digitalen Lebenswelten im Internet wurde im Programm weitgehend ausgeblendet und allenfalls an den Rändern der transmediale verhandelt.
Im transmediale-Salon wurde etwa am Beispiel der kollaborativen Weblogs und Online-Plattformen Kunst.blog.com, Sendung.net und Blogspiel.de über den "Content Generating User" im Medienkunstbereich diskutiert. Mehr als ein Erfahrungsaustausch wollte sich aus der Diskussion jedoch nicht entwickeln.
"Desire of Codes"
Interessante Einsichten in künstlerische Produktionsprozesse bot hingegen das Medienkunstlabor tesla, das für die transmediale seine Werkstätten öffnete.
Dort führte unter anderem die japanische Künstlerin Seiko Mikami ihre Installation "Desire of Codes" vor, in der die Bewegungen der Besucher von Hunderten Sensoren verfolgt und von Leuchtdioden interpretiert werden und so im Zusammenspiel mit den Geräuschen der Geräte ein beängstigendes Szenario entstehen lassen.
Alles in allem erfüllte die transmediale zwar ihre Funktion als Treffpunkt im medienkulturellen Feld, spannende Diskussionen oder gar weiterführende Anstöße blieben heuer jedoch weitgehend aus.
Festivalpreis für Herman Asselberghs
Der transmediale-Award ging an das Video "Proof of Life" des belgischen Künstlers Herman Asselberghs, das Bilder eines menschenleeren Raums mit der beunruhigenden Schilderung einer langen Gefangenschaft auf der Tonspur kontrastiert. In der Jury-Begründung hieß es, Asselberghs' Werk sei "ein Beispiel für die Kraft von Kunst, ihr Publikum in die Gegenwart zu holen".
Neuer Leiter
Im kommenden Jahr wird erstmals der aus Kanada stammende Kurator und Architekt Stephen Kovats die transmediale leiten.
Kovats, der den langjährigen Festivalleiter Andreas Broeckmann ablöst, war zuletzt am V2-Institute for the Unstable Media als Chefkurator tätig. Eine Auffrischung wird der transmediale jedenfalls nicht schaden.
(futurezone | Patrick Dax)
