Blindenbüchereien werden digital
Die Blindenbibliotheken stehen vor einem Finanz- und Platzproblem. Das Übertragen von Büchern in Blindenschrift oder das Aufnehmen als Hörbuch sind extrem kostspielig. In Deutschland stellen etwa sechs große Bibliotheken Hörbücher in Eigenregie her.
Das Platzproblem erwächst aus dem schieren Umfang der Blindschrift-Konvolute sowie der Audiobücher, deren durchschnittliche Länge 12 Stunden beträgt. Ein Umschwenken von analog auf digital soll Abhilfe schaffen. Ein spezieller Standard, "Daisy", erlaubt bereits seit einiger Zeit das direkte Ansteuern von Seitenzahlen und Überschriften. Die Konferenz der Blindenbibliothekare in Marburg, die am Montag beginnt, widmet sich unter anderem auch diesem Standard.
Die Büchereien für Sehbehinderte und Blinde haben für die Betroffenen einen wesentlich höheren Stellenwert als für Menschen mit normaler Sehkraft, wie Bibliothekar Rainer Witte von der Marburger Blindenstudienanstalt sagt. "Bücher in Blindenschrift kann man nirgends kaufen - und wenn man sie extra herstellen lässt, kostet das ein Vermögen." Für ein Taschenbuch, das im Normaldruck 8 Euro koste, müssten Blinde dann 150 Euro und mehr auf den Tisch legen.
Blindenliteratur benötigt viel Platz
Literatur in der so genannten Brailleschrift - benannt nach dem System des französischen Blindenlehrers Louis Braille - verschlinge zudem sehr viel Platz, erzählt Kahlisch. Aus den drei Bänden von Tolkiens "Herr der Ringe" etwa werden in Blindenschrift 15 große Ordner. Und mit mehreren Dutzend Kassetten oder CDs pro Titel belegen auch die Hörbücher etliche Meter im Regal.
Blindenbüchereien könnten nur einen Bruchteil der Informationen anbieten, die Sehenden zur Verfügung steht, berichtet Thomas Kahlisch, Direktor der Deutschen Zentralbücherei für Blinde in Leipzig. "Den rund 80.000 Titeln, die jedes Jahr zur Frankfurter Buchmesse erscheinen, stehen ganze 2.000 Titel für Blinde gegenüber."
Digital Audio-based Information System
Hier soll "Daisy [Digital Audio-based Information System] Abhilfe
schaffen. Das Kürzel umschreibt ein spezielles Format für
Blinden-Hörbücher, mit dem bis zu 40 Stunden lange Werke auf eine
einzige CD-ROM passen. Mit Hilfe des neuen Standards können sich
Hörer zudem problemlos von Kapitel zu Kapitel hangeln und auch nach
Seitenzahlen oder Überschriften suchen. "Das ist ein Quantensprung
im Vergleich zur Tonkassette - das Zeit raubende Hin- und Herspulen
bei der Suche nach einer bestimmten Stelle fällt einfach weg",
schwärmt Geschäftsführerin Dittmer.
DaisyDirektes Ansteuern von Kapiteln
Besonders bei der blindengerechten Aufbereitung von Zeitschriften und Nachschlagewerken sei "Daisy" unschlagbar: "Was hilft mir ein Kochbuch auf Kassette, wenn ich erst nach drei Stunden bei den Hauptgerichten ankomme?" Während oder nach der Aufnahme von "Daisy"- Hörbüchern werden etwa die Kapitelnummern mit dem Text verknüpft, damit der Benutzer sie gezielt ansteuern kann, erklärt Kahlisch - ähnlich wie beim Navigieren im Internet. Die aufwendige Umstellung der Archive komme bei manchen Bibliotheken aber nur im Schneckentempo voran. "Wir haben unseren Bestand in den letzten vier Jahren mühsam aufbereitet, andere müssen da ihre Hausaufgaben noch machen."
W3C-Standard
Für den Daisy-Standard ist eine Reihe von Abspielprogrammen, wie
etwa LpStudio Pro und andere, verfügbar. Viele Programme
unterstützen dabei auch die W3C-Spezifikation für synchronisierten
Multimedia-Content [SMIL 1.0].
Lpstudio/Pro
