20.01.2004

TIPPEN

"Es gibt eine neue Schriftlichkeit"

Durch neue elektronische Medien hat sich nicht nur der Prozess des Schreibens, sondern auch die Sprache selbst in den letzten Jahren grundlegend verändert.

Doch wo manche vor einem unwiederbringlichen Kulturverlust warnen, sehen Sprachforscher auch einen positiven Wandel, sogar ein neues starkes Interesse am Schreiben bei den Jüngeren: "Es kommen neue Ausdrucksregister hinzu, die man bei Bedarf ziehen kann", meint etwa Prof. Rüdiger Weingarten, Sprachwissenschaftler an der Universität Bielefeld.

Auch Inge Blatt von der Arbeitsstelle "Schriftkultur und ihre Medien" an der Universität Hamburg zieht ein optimistisches Resümee: So viel geschrieben habe die junge Generation schon lange nicht mehr. "Es gibt eine neue Schriftlichkeit."

Mehr Fehler

Allerdings halten die neuen Schreibtechniken nach Blatts Erfahrungen auch Fußangeln bereit - so häufen sich Fehler in der Rechtschreibung, weil allzu blindes Vertrauen in das Rechtschreibprogramm gelegt wurde.

Oder es entstehen Texte in "Collagentechnik", bei denen Versatzstücke grammatikalisch nicht angeglichen werden. Und auch der Textklau ist weit verbreitet: "Für diese Texte gilt: Veränderung ist leicht, Kontrolle schwierig", sagt Blatt, welche die neuen Möglichkeiten dennoch rundum befürwortet - eben weil sie das Ausdrucksspektrum erweitern und zumindest theoretisch die Teilhabe an einem großen Wissensschatz ermöglichen.

Wilfried Schütte vom Institut der Deutschen Sprache in Mannheim hat bei seinen Untersuchungen zu Chatrooms und E-Mail-Listen bei der neuen Schriftlichkeit vor allem eines festgestellt: "Hier wird Mündlichkeit simuliert."

Umrankt von umgangssprachlichen Verschleifungen, einem reichen Schatz vorzugsweise englischer Abkürzungen und kommentierenden Emoticons werde eine künstliche Mündlichkeit geschaffen, die vor allem durch eines auffalle: ihre Direktheit. Umso wichtiger sei es, dass jedes Kommunikationsforum seine eigene "Netiquette", also Umgangsregeln, formuliere und deren Einhaltung auch beachte. Denn Gefahren berge das neue Medium weniger durch den bunten Sprachmix als die Möglichkeit der Verrohung, hervorgerufen durch die Anonymität der Teilnehmer.