Rechnen wie die Hobbits
Harald Taglinger gibt Abnehmtipps für IT-Kinder, trifft twitternde Pädagogen und wünscht den scheinheiligen Ökoboom zur CeBIT in die grüne Hölle. Netzteile, Woche 10.
Ach du grüner PC. Dass die CeBIT dieses Jahr nicht ohne Klimaerwärmung auskommen würde, war eigentlich klar. Was natürlich überhaupt keine Anspielung auf den Stromverbrauch in den Hallen sein soll. Hannover hat ja genug davon. Hallen, Strom auch. Und die Hannoveraner wiederum haben genug von der CeBIT.
Mit dem "grünen PC" meint die Branche zum Beispiel gräuliche Kästen aus dem Hause Fujitsu Siemens. Dieses Grün der Website macht den Ästhetikzwergen aus der Hobbit-Metropole München niemand so schnell nach. Grandioser ist nur noch die Farbwahl der Deutschen Telekom mit Magenta und einem Grau, das sich sonst nur noch im feinen Stoff des Hosenanzugs von Eröffnungsrednerin Angela Merkel wiederfindet.
Allerdings: Nur ein PC ohne Strom ist ein "grüner PC". Und wer wirklich grün sein will, der schaltet den Rechner aus und kauft sich nicht alle zwei Jahre einen neuen.
Eingeseift
Grün will sich auch Google mit seiner berühmten Solaranlage auf dem Firmengelände geben. Kein Wunder, dass man dort noch einmal extra Strom produziert. Schließlich schlucken die geschätzten 500.000 Server des Unternehmens einiges an Energie. Und die Hygienebilanz stimmt ebenfalls. In Russland kann man zum Beispiel Gmail-Seife kaufen.
Wozu die gut ist, wissen selbst wir nicht, aber Seife ist nie verkehrt. Bei regelmäßiger Anwendung riecht man gut und wird für seine Mitmenschen wieder erträglich. Das ist auf jeden Fall grüner, als eine weitere Website aufzumachen und zum Beispiel über Google-Sites nutzlose Informationen auszutauschen. Wer dabei auch noch den Wagen in der Garage lässt und "öffentlich" fährt, der darf sich zur Belohnung einen Hosenanzug kaufen. In Grün.
Identifiziert
Öko und PC passen so schwer zusammen wie Auto und Natur. Noch weniger passt auf den ersten Blick "Apple und Krebs". Nicht weil Computer Krebs verursachen würden, sondern weil dem Unternehmen Apple durch den Bauchspeicheldrüsenkrebs von Steve Jobs 2004 klargeworden sein dürfte, wie sehr die Faszination der Branche oft an Einzelmenschen hängt. Und das ist gefährlich. Wenn Jobs, Gates & Ballmer in einem Flieger säßen, und der käme runter wie neulich einer in Hamburg, dann wäre die Branche schnell offline.
Von starken Identifikationsfiguren kann auch die katholische Kirche ein Lied singen. Hätte Jesus an Ostern vor 1.976 Jahren einen Schnupfen gehabt und deshalb Taschentücher statt Brot gereicht, würden wir uns heute bei der heiligen Kommunion im Kollektiv schnäuzen.
Glücklicherweise ist es dann doch anders gekommen. Kein Grund allerdings, warum die Kirche nun nicht doch wieder einmal ein paar neue Verpackungen einführen könnte. The Cool Hunter zeigt, dass sich da tatsächlich etwas tut und die eine oder andere Kirche inzwischen den Lounges in der Stadt Paroli bieten kann.
Interpretiert
Überhaupt ist es Interpretationssache, was grün ist und was nicht. Früher nannte man es "dem Trottel von Nachbarn einen stinkenden Haufen Dreck vor die Tür kippen". Heute sagen wir "Biotonne am Gartenzaun" dazu. Im Internet sieht das dann so aus wie Edmodo. Allen Ernstes wollen die Aufstarter dieser Firma ein Twitter-Produkt für Lehrer und Schüler lancieren.
Allerdings zeigen die Screenshots, wie man sich das vorzustellen hat: als verlängertes Sprachrohr der pädagogischen Einpeitscher. Denn da soll es von Meldungen wie "Vergesst die Klassenarbeit nicht" und "Heute stehen noch Hausaufgaben an" nur so wimmeln. Vermutlich wird das eine sehr einseitige Kommunikation sein. Und eine sehr einsame.
Wenn Schüler die twitternden Lehrer wegzappen, können sie sich immerhin auf eine neue Studie berufen, der zufolge Kinder rapide an Körpergewicht verlieren, wenn sie weniger lang vor dem Bildschirm sitzen. Nervt der Online-Pädagoge, wird er also zu Fitnesszwecken weggeschaltet - auch das ist Interpretationssache.
Vermöbelt
Gut, dass es nicht die im Weburbanist gezeigten Möbel in Klassenzimmern gibt. Sonst würden Jugendliche mehr und mehr Schutzwälle aus Schulbänken bauen. Die gezeigten Entwürfe sind aber wirklich praktisch. Es leuchtet auch nicht ein, dass ein Möbel nur ein Möbel ist. Zwei sollten es schon sein, sonst verliert man den Anschluss an die Moderne.
Verkleidet
Und wem das immer noch zu wenig Verkleidung ist: Die ASCII Cam macht aus dem Bewegtbild der eigenen Webcam ein Gewirr aus Zeichen und Zahlen. So lassen sich die eigenen fünf Buchstaben ohne große Scham zeigen.
Sicherlich gilt es bald als sehr grün und chic, wenn man das stromfressende eigene Bild durch ein paar dürre Buchstaben ersetzt. Ich werde mir bis zur nächsten Woche überlegen, welche Sonderzeichen einen Hosenanzug darstellen könnten.
(Harald Taglinger)
