Joseph Weizenbaum, verschwunden
Vom Sterben der Erinnerung
Im angloamerikanischen Raum ist der Nachruf eine wichtige journalistische Form, auf die die großen Tageszeitungen für gewöhnlich viel Mühe verwenden. Umso erstaunlicher ist es, dass offenbar keine der großen Zeitungen der USA und auch kaum eines der einschlägigen Fachmedien der Vereinigten Staaten über den Tod des IT-Pioniers Joseph Weizenbaum am 5. März berichtet haben.
Die US-Variante von Google News spuckt bis heute auf Anfrage nur einen Bericht eines deutschen Korrespondenten für EETimes.com aus. Für einen globalisierten Nachrichtenapparat, der normalerweise im Sekundentakt operiert, ist das bemerkenswert.
Am Montag fragten wir bei der Abteilung für Öffentlichkeitsarbeit des MIT nach, ob diese noch einen Nachruf auf Weizenbaum veröffentlichen werde, damit wir unseren Artikel um einen entsprechenden Link ergänzen könnten.
Schweigende Suchmasken
Das MIT schrieb zurück, man werde einen Nachruf veröffentlichen, und publizierte am Montag dann einen recht knappen Text zu Weizenbaums Tod. Er hatte immerhin von 1963 bis zu seiner Emeritierung im Jahr 1988 dort gearbeitet.
Der Nachruf, den Detlef Borchers für Heise.de verfasst hat, ist wesentlich besser geschrieben und vor allem präziser als diese kurze Meldung. Auch der "Boston Globe", die "New York Times" und die "Washington Post" haben offenbar nichts gebracht. "Wired"? Fehlanzeige.
Sicher war Weizenbaum seit seinem Umzug nach Berlin im Jahr 1996 in den USA nicht mehr so stark präsent wie in Europa. Andererseits wäre er allein schon wegen seiner bekanntesten Erfindung Eliza auch einem allgemein interessierten Publikum ein Begriff gewesen. Vielleicht passte er mit seiner Skepsis nicht in ein bestimmtes Muster der Technikberichterstattung. Jedenfalls überrascht das Schweigen der Suchmasken. Sicher ist jedenfalls, dass diese Branche ein sehr kurzes Gedächtnis hat.
Nachtrag:
Die "New York Times" hat am 13. März, als dieser Artikel bereits erschienen war, doch noch einen Nachruf veröffentlicht.
(futurezone | Günter Hack)
