Vom Vinyl zur Virtualität
Ende der 80er, Anfang der 90er Jahre war die Musiklandschaft noch überschaubar und es gab noch kein derart heilloses Durcheinander sich ständig verändernder und verästelnder Musik-Genres und Subgenres so wie heute.
Damals war auch die Welt der Plattenfirmen und Plattenläden noch heil: Die CDs hatten sich gerade erst auf dem Massenmarkt duchgesetzt und für große Gewinne auf Seiten der Musikwirtschaft gesorgt - aber auch für Frust seitens der Konsumenten angesichts der hohen CD-Preise, der sich später noch rächen sollte.
Damals eröffnete in Wien auch der auf schwarze und Dancemusic spezialisierte Plattenladen "Black Market", der sich aus dem Club und Musikvertrieb "Soul Seduction" heraus entwickelt hatte. "Soul Seduction"-Chef Alexander Hirschenhauser erinnert sich:
Vom Postversand zum Online-Store
"Wir haben tatsächlich einen ganz großen Vorteil dadurch, dass wir in der analogen Welt, in der "Brick and Mortar"-Welt begonnen haben und parallel zu unserem Geschäft auch ein internationales Mailorder-Business aufgebaut haben. Als wir dann 1999 unseren ersten, noch relativ simplen Online-Store eröffnet haben, konnten wir auf zehn Jahre Erfahrung mit dem klassischen Postversand aufbauen. So konnten wir viel entspannter mit den Online-Kunden umgehen."
Downloads als nächster Schritt
Im Jahre 2003 folgte ein Relaunch des Online-Stores - zu jedem angebotenen Musikprodukt werden seitdem auch Begleitinformationen in Form von Texten, Bildern und Hörproben angeboten. Für Alexander Hirschenhauser war allerdings klar, dass man noch einen Schritt weitergehen und auch Files zum Download anbieten müsse.
In den USA beträgt der Anteil von Downloads auf dem Gesamtmusikmarkt im Moment zwischen fünf und zehn Prozent. In Europa sind es drei bis fünf Prozent. Tendenz jeweils stetig steigend. Der "Soul Seduction"-Chef schätzt, dass es in fünf bis acht Jahren ein ausgeglichenes Verhältnis zwischen physischen Tonträgern und digitalen Downloads geben könnte.
Zurzeit arbeitet Hirschenhausers Team an der Weiterentwicklung des Online-Stores in Richtung Download-Shop, die man noch vor dem Sommer abzuschließen hofft.
Downloads im MP3-Format und ohne Kopierschutz
Grundstock werden dabei Tausende Songs der von "Soul Seduction"
vertriebenen Labels sein, unter ihnen so renommierte österreichische
Labels wie G-Stone, Sunshine Enterprises und Klein Records, deren
Tracks über den Online-Store künftig auch digital erwerbbar sein
werden. Die Tracks werden dabei im gängigen MP3-Format und jeweils
ohne Kopierschutz angeboten werden. Allerdings wird jedes File ein
digitales Wasserzeichen erhalten. Die verkauften bzw.
heruntergeladenen Files sollen damit prinzipiell nachverfolgbar
sein, die User selbst sollen aber nicht verfolgt werden. Für
Alexander Hirschenhauser ist das ein guter Mittelweg, um den Käufern
und Kunden im Internet mit jenem Respekt zu begegnen, den viele in
der Musikindustrie seit langem vermissen lassen.
www.soulseduction.com"Musiktankstelle" im Museumsquartier
Im Wiener Museumsquartier hat im Herbst 2004 die "Musiktankstelle" eröffnet. Diese besteht aus zwei Zapfsäulen in Form von Computern, auf denen sich 3.000 Songs österreichischer Musiker von Ambros bis Zawinul und Zeebee befinden, aus denen man beliebig viele auswählen und auf CD pressen lassen kann.
Vor allem Sammler machen gerne Halt an der "Musiktankstelle", weil sie dort an Songs gelangen können, die auf CD seit langem vergriffen sind.
Ein Musikarchiv wird lebendig
Pro CD lassen sich ungefähr 70 Minuten Musik auftanken. Pro Song
muss man 99 Cent bezahlen, pro Rohling zwei Euro.
MusiktankstelleBetrieben wird die "Musiktankstelle" vom ebenfalls im Museumsquartier ansäßigen "SR-Archiv österreichischer Popularmusik", das seit über zehn Jahren Tonträger von österreichischen Bands und auch dazugehörige Informationen und Materialien wie Zeitschriften und Flyer sammelt und diese Daten auch in einer Datenbank im Internet zugänglich macht.
SR-Archiv österreichischer Popularmusik"Customized CDs" als Marktlücke
Den User sich aus einem bereit gestellten Musikangebot seine eigene Wunsch-CD basteln zu lassen - das ist auch die Geschäftsidee der Musikplattform "Streetforward", die ebenfalls von Wien aus betrieben wird.
Wie die "Musiktankstelle" umfasst das Angebot von Streetforward im Moment 3.000 Tracks. Der User kann auf "Streetforward" aus dem Musikangebot von 127 österreichischen und internationalen Labels auswählen.
Der Unterschied zur "Musiktankstelle": Die CD wird per Post zugestellt und online zusammengestellt.
Die richtige Nische finden
Eine kleine Übersicht über die auf "Streetforward" angebotenen
Musikstile: Ambient, Downbeat, Breaks & Beats, Uptempo, Drum & Bass,
House, Techno, Minimal, Nu Jazz und Dub. Der User kann auf der
Website aber auch auf "Options for Freaks" gehen und nach
Instrumenten suchen. Auswählen kann er außerdem aus mehreren Designs
für die graphische Gestaltung der CD und der CD-Hülle. Herwig
Kusatz, der Gründer und Leiter von "Streetforward" über seine
Geschäftsidee: "Wir bedienen eine Nische weltweit, indem wir Musik
wieder taktil, also angreifbar machen. Wir sehen unsere Nische also
im Geschenksbereich, weil MP3 schenken ist nicht so ganz das Wahre.
Da will man schon lieber eine CD schenken, die auf eine schöne Art
und Weise personalisiert ist, und die man dann weltweit verschicken
kann."
StreetforwardDas Netz als Chance für kleine Labels
Zu den 127 auf der Musikplattform"Streetforward" versammelten Labels gehört auch das kleine Wiener Label "Temp-Records", das sich aus dem einmal jährlich in Greifenstein bei Wien stattfindenden "Temp-Festival" für elektronische Musik entwickelt hat.
Die vier Betreiber von "Temp Records", allesamt selbst Musiker, können von ihrem kleinen Label nicht leben. Aber durch Plattformen wie "Streetforward" bietet sich ihnen zumindest die Möglichkeit, mit dem Vertrieb ihrer Musik online ein bisschen Geld zu verdienen.
Über die "Temp Records"-Website selbst kann man auch einzelne Tracks downloaden. Und zwar gratis. Das ist gut für die User, aber auch gut für die Labelbetreiber, die auf diese Weise zwar kein Geld verdienen, aber dafür mit Hilfe des Internet Werbung für ihre CDs und ihr Festival machen können.
Temp Records"Matrix" heute um 22:30 Uhr auf Ö1
Mehr zum Thema "Vom Vinyl zur Virtualität" hören Sie heute Abend
in der Sendung "Matrix", für die sich Richard Brem auf eine
Rundreise durch die neue Welt der Netzmusik begeben hat.
Matrix"Matrix" für Ö1-Club-Mitglieder
Ab Sonntag, 22:30 Uhr, steht "Matrix - Computer & Neue Medien"
für Ö1-Club-Mitglieder auch zum Download bereit!
"Matrix" zum Download
