Wie Computerdesign das Verhalten ändert
Computerdesignforscher Bill Buxton mahnt auf der HCI-Konferenz ein Umdenken bei der Entwicklung von Technik ein. "Wir entwerfen Erfahrungen, nicht Produkte", sagte Buxton und forderte neue Denkansätze für Gestaltung und Produktion.
Nachhaltigkeit und Verantwortung sind für den Kanadier Buxton, der seit drei Jahren für Microsoft Research arbeitet, die großen zukünftigen Aufgaben der Designer und Designerinnen von Computersystemen.
Buxton war zuerst Musiker und nützte Computer auf der Bühne und im Studio. Später wurden die Rechner für ihn zu Forschungsobjekten. Seit 30 Jahren beschäftigt er sich damit, wie Menschen Computer nutzen und wie Computer gestaltet sein müssen, um gut bedienbar zu sein.
Am Sonntag in "matrix"
Das Netzkulturmagazin "matrix" berichtet am Sonntag um 22.30 Uhr im Radio Ö1 von der "CHI - Conference on Human Factors in Computing Systems", die von 5. bis 10. April in Florenz stattfand.
Die dritte Welle des Designs
Buxton arbeitete als Forscher an der University of Toronto, im Xerox PARC und bei Alias Wavefront und erhielt vergangene Woche bei der Konferenz "CHI - Conference on Human Factors in Computing Systems" in Florenz einen Preis für sein Lebenswerk. Sein Mantra ist, dass Designer verstehen müssen, dass sie nicht Produkte entwerfen, sondern Erfahrungen:
"Wir befinden uns derzeit in der dritten Welle des Designs. Wir entwickeln Produkte, die nicht nur eine physische Form haben, sondern ein Verhalten, das sich im Laufe der Zeit immer wieder verändert. Was wir entwerfen, ist nicht das Produkt, es sind die sozialen, kulturellen und menschlichen Einflüsse, die es hat. Das erfordert völlig andere Fähigkeiten eines Designers.
Kurz gesagt: Die Dinge, die heutzutage bezüglich Design wirklich wichtig sind, lassen sich nicht gut fotografieren und schön in Designmagazinen abbilden. Es sind die Erfahrungen, die zählen, und die Frage ist, wie wir diese einfangen können. Noch wichtiger aber ist, wie wir sie entwerfen können. Wenn ich sagen würde, zeichne mein Mobiltelefon, wäre das einfach. Würde ich sagen, zeichne das User-Interface meines Mobiltelefons, hätten die meisten Designer Schwierigkeiten damit. Aber wenn ich sagen würde, zeichne die Erlebnisse, die ich habe, wenn ich mein Mobiltelefon benütze, wüsste fast niemand, wovon ich rede. Aber darum geht es beim Design."
Nachdenken über Werte
Technologie habe massive Einflüsse auf unsere Kultur – und nicht alle seien gut, sagt Buxton. Eine wichtige Frage, die sich Designer und Designfirmen stellen müssten, sei deshalb: "Welche Werte legen wir unserer Arbeit zu Grunde?" Wirtschaftlicher Erfolg sei dabei nicht unbedingt ein Widerspruch zu Nachhaltigkeit und Verantwortung gegenüber der Umwelt und der Gesellschaft.
Ein herausragendes Beispiel dafür ist für den begeisterten Bergsteiger Bill Buxton die kalifornische Firma Patagonia, die Sportkleidung herstellt. Gegründet wurde die Firma vom Bergsteiger und Surfer Yvon Chouinard, der in den 50er Jahren damit begann, Haken und Schrauben zum Klettern zu schmieden.
Neues Denken
"Er hat ein Buch geschrieben mit dem Titel 'Let my people go surfing', und ich glaube, das ist ein wirklich wichtiges Designbuch", sagt Buxton.
Das Besondere an Patagonia sei, dass sie die für ihre Produkte gebrauchten Materialien recylen und ihre eigenen Produkte ebenfalls wiederverwenden würden.
"Sie haben eine Werbekampagne, die lautet: 'Wir wollen deine Unterwäsche!' Man kann alte Kleidung zurückschicken, und sie machen wieder Produkte daraus. Sie machen Fleece aus gebrauchten Plastikflaschen, und sie haben sich selbst eine Steuer von einem Prozent der Einnahmen auferlegt, die sie für Umweltprojekte verwenden. Abgesehen davon entwerfen und produzieren sie schöne Dinge. Sie tragen also umfassend Verantwortung und betreiben trotzdem ein erfolgreiches Unternehmen - sehr erfolgreich sogar."
Surfen statt Büroarbeit
Außerdem, und darauf deutet der Titel des Buches von Yvon Chouinard hin, bietet die Firma für ihre Mitarbeiter eine gute Work-Life-Balance: Wenn das Wetter gut ist, gehen die Mitarbeiter lieber surfen, als im Büro zu sitzen. Solche Firmen – und sicherlich gibt es noch einige derartige mehr – sind für Bill die großen Vorbilder für Design und Industrie:
"Wenn wir uns ansehen, was mit der Umwelt und in der Politik vor sich geht, dann müssen wir uns überlegen, woran wir glauben, was unsere Werte sind, und wie wir diese Werte in den Produkten, die wir entwickeln, widerspiegeln können. Und ich meine nicht, dass wir in kratzigen Kutten herumlaufen und leiden sollen, wie früher die Mönche. Ästhetik und Spaß – all das ist möglich, wenn man über die Folgen des Designs nachdenkt. Aber das erfordert eine völlig andere Art von Diskurs. Die alten Grundsätze des Designs sind immer noch gültig, wir müssen sie nur anders anwenden."
(matrix | Sonja Bettel)
